1150 Jahre Rengsdorf - Vom Frankendorf zum heilklimatischen Kurort

Ortsjubiläen orientieren sich mangels anderer verlässlicher Überlieferungen meist an den ältesten bekannten Urkunden und Archivalien. So beging man 1957 vom 20. bis 22. Juli in Rengsdorf „in bescheidenem Rahmen" die 1100.Jahrfeier. 2007 soll vom 22. bis 25. Juni das Fest der 1150 Jahre zurückliegenden ersten Erwähnung von Rengsdorf gefeiert werden . Die Ersterwähnung des Ortes datiert vom 29. August 857. In einer der ältesten bekannten Urkunden des Engersgaus umriss damals der Trierer Erzbischof Thietgaud den zum Koblenzer St.-Kastor-Stift gehörenden Zehntbezirk der Pfarrei St.-Kastor in Rengsdorf. Die Entstehung des darin verwendeten Ortsnamens Rengeresdorf hat bis in die jüngste Vergangenheit verschiedene, auch abwegige, Deutungen erfahren. Der jüngste Versuch möchte das Dorf als Herrensitz eines Franken namens RAGINGA ansehen, aus dessen Name später in der Volkssprache Rengersdorf entstand. Anhäuser nennt anhand von Urkunden u.a. Rengistorf, Rensdorp (14. Jahrhundert), Rengestorff (15. Jahrhundert), Renstorff (16. Jahrhundert) und schließlich 1592 Rengsdorf.

Die früheste Besiedlung des Rengsdorfer Raumes begann mit Sicherheit lange vor dem Datum der Urkunde. Archäologische Literatur und das Inventarbuch des Neuwieder Kreismuseums nenne Funde im Raum Rengsdorf aus der vorrömischen Eisenzeit, die mit der so genannten Hallstattkultur (ca. 750 - 500 v.Chr.) begann. Aus dieser Zeit dürften Relikte gehören, die im Distrikt „Auf der Luft" in der Nähe des „Römergraben" auf ein frühes Gräberfeld hinweisen. Es handelt sich um ein 1913 dem Verein für Heimatpflege und Altertumskunde (später Kreismuseum) in Neuwied abgeliefertes Hallstattgefäß und ein weiteres „Schnurornamentiertes Hallstattgefäßstück".

Die beständige Besiedlung entstand auf den Randhöhen des Westerwaldes in der Zeit der fränkischen Merowinger am Ende des 5. Jahrhunderts n.Chr. Fränkische Siedlungen und Einzelgehöfte führten zur Entstehung erster Dörfer. Da deren Spuren aus leicht vergänglichem material heute meist nicht als solche zu erkennen sind, vielfach unerreichbar unter heutigen Ortskernen liegen, ist die Kenntnis von der Existenz und der Lage alter Siedlungen oft nur anhand von Funden und Befunden aus alten Friedhöfen und Gräbern zu erschließen. 1910 barg man im Rengsdorfer Distrikt „Auf der Löw" in der Nähe des „Römergrabens" einige fränkische Schmuckstücke aus Bronze., die ins 7. Jahrhundert datiert werden. Es handelt sich um eine Sprossenfibel (Gewandschließe) mit Vogelkopf, das Kopfstück (Fragment) einer Sprossenfibel und einen geometrisch durchbrochenen versilberten Rundbeschlag. Aus dem gleichen Gräberfeld wurden von einem Grundstücksbesitzer dem Kreismuseum einige eiserne Funde übergeben, darunter ein Lanzenoberteil, ein Sax (kurzes einschneidiges Hiebschwert), ein Messer und ein Scherbenrest. Um 1930 übereignete man dem Museum eine Urne aus dem Gräberfeld.

Leider hat es weder im hallstattzeitlichen Gräberfeld „Auf der Luft" noch anlässlich der jüngeren fränkischen Funde „Auf der Löw" eine archäologische Untersuchung und Ausgrabung gegeben, die vielleicht nähere Aufschlüsse über die vor- und frühgeschichtliche Besiedlung des Rengsdorfer Raumes hätten ergeben können. Die beständige Besiedlung dürfte auch hier zur fränkischen Zeit beginnen. Eine frühe Dorfsiedlung, die ihre Toten im Gräberfeld „Auf der Löw" bestattete, ist wohl im alten Ortskern zwischen Stang, Buhr, Weinstock und evangelischer Kirche zu suchen. Hier fand sich die Möglichkeit zur Nutzung der zum Leben, Wohnen und der Landwirtschaft notwendigen Wasserversorgung aus Quellen und Brunnen. Der einem Burghügel ähnlich nach Süden gewandte und nach drei Seiten abfallende Bergrücken, auf dem die evangelische Kirche steht, könnte einem Vorgänger der heutigen Kirche im späteren Mittelalter als Standort einer Wehrkirche gedient haben und mit einem befestigten Friedhof umgeben gewesen sein. die massigen unteren Geschosse des heutigen Turmes lassen auf eine ehemals wehrhafte Bestimmung schließen.

Eher der Sicherung und Kontrolle des Verkehrs vom Rheintal zum Westerwald und in der Gegenrichtung als dem Schutz der unweit gelegenen fränkischen Dorfsiedlung diente die nördlich des Dorfes gelegene mittelalterliche Landwehr „Römergraben". Die unzutreffende Namensgebung entstand in einer Zeit, als die frühe Geschichtsforschung und der Volksmund den Ursprung jener Geschichtszeugnisse, den man nicht sicher bestimmen konnte, gerne den „alten Römern" zuordnete, Die in gut erhaltenen Abschnitten aus bis zu drei Wällen und zugehörigen Gräben bestehende Anlage ist mit heute noch mehr als 700 Meter Länge nach dem römischen Limes das größte Bodendenkmal im Kreis Neuwied. Sue wurde dank einer privaten Initiative 1997 samt den Wegspuren und Verschanzungen im Wald neben der Melsbacher Hohl als Denkmalzone unter Schutz gestellt. Die Verschanzungen dienten dem Schutz und der Überwachung des beiderseitigen Verkehrs am Wegübergang bei der Stelle, an der heute die Melsbacher Hohl den „Römergraben" kreuzt. Zum Schutz gegen unerlaubtes Überschreiten der Landwehr an nicht bewachter Stelle dienten auf der Wallkrone gepflanzte Gebücke aus Hainbuche und Dornensträuchern.

Gegen die Einwendungen interessierter Bürger und der amtlichen Denkmalschützer wird ein Teilstück des am besten erhaltenen Abschnitts des Bodendenkmals am Berghang des Laubachtales beim Neubau der Ortsumgehung der B 256 mit einem Straßendamm überschüttet. Der Vorschlag einer Überbrückung oder Trassenverlegung wurde von der Straßenbaubehörde aus Kostengründen abgelehnt.

Als einer der kulturellen Höhepunkte wurde 2005 der „Römergraben" auf einer Länge von 600 Metern in das Wegenetz des „Rheinsteigs" einbezogen. Hier bildete er einst als Panoramaweg einen der attraktivsten Aussichtsplätze im Vorderen Westerwald. Leider hat er durch die zu hohe und dichte Bebauung im Vorgelände während des Baubooms der Nachkriegsjahre, die den ungestörten reizvollen Blick über das Dorf ins Neuwieder Becken und die Berglandschaft der Osteifel behindert, erheblich eingebüßt. Die Gemeinde Rengsdorf und private Sponsoren bemühten sich durch Wiederherstellung einiger Wallstücke und deren Bepflanzung, mit Wegweisern und zwei Informationstafeln mit Rekonstruktionsskizzen die Attraktivität der Anlage zu verbessern und zu erhalten. Doch der gesetzliche Denkmalschutz und die Bemühungen weniger können das einmalige  Bodendenkmal vor modernen Bedrohungen alleine nicht nachhaltig schützen. Öffentlichkeit und Behörden sind angesichts ihrer Verpflichtungen aufgerufen, die besondere Aufmerksamkeit der Unversehrtheit dieses Kleinods des Denkmalschutzes zuzuwenden. Der „Römergraben" ist auch wegen seiner überregionalen Bedeutung ein kultureller Anziehungspunkt im Fremdenverkehr, um dessen Förderung man sich gegenwärtig eifrig bemüht.

Schließlich verfügt der Fremdenverkehr in Rengsdorf über eine lange Tradition, die vornehmlich durch äußere Einflüsse in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung eingebüßt hat. Die mehr als 100-jährige Geschichte als Kurort begann am 14. April 1889 mit der Gründung des Verschönerungsvereins für den Unteren Westerwald in Rengsdorf, dessen Statuten am 26. Mai 1889 beschlossen wurden. Zu den ersten Aktivitäten des Vereins gehörten die Forderungen an den Rengsdorfer Gemeinderat, für eine einwandfreie Wasserversorgung und gut begehbare Straßen und Wege zu sorgen. Schon im April 1890 beschloss dieser die Verlegung der öffentlichen Wasserleitung und im Juni 1891 konnten bereits 142 Häuser in Rengsdorf daran angeschlossen werden. Angesichts vielfältiger Bemühungen entwickelte sich der Kurbetrieb erfolgreich. Die Kurgäste schätzten die reizvolle abwechslungsreiche Landschaft in verkehrsgünstiger Lage und die sich rasch entwickelnde gepflegte Gastronomie. 1894 zählte man 250 Dauergäste. 1897, ein Jahr nachdem Bürgermeister Wink eingeführt wurde und den Vorsitz des Verschönerungsvereins übernommen hatte, nahm man das Badehaus in Betrieb, die Zahl der Gäste im Ort betrug 497. 1903 konnte der mit Beteiligung aller Gemeinden des Amtsbezirks und mit privaten Spenden finanzierte Bismarckturm eingeweiht werden.

Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs entwickelte sich der Kulturbetrieb weiter erfolgreich. Die Anlage eines Tennisplatzes, eines Kinderspielplatzes, der Bau zahlreicher Wohn- und Gasthäuser, die Anlage einer Rodelbahn, die Einrichtung eines Lesezimmers für Kurgäste, der Anschluss an das Stromnetz und der Postlinienverkehr von Neuwied trugen dazu bei. 1913 wurden fast 8.600 Dauergäste gezählt. Die durch den Ersten Weltkrieg und die darauf folgende Geldentwertung bedingten Einschränkungen verursachten einen vorübergehenden Rückgang der Gästezahlen. Schon 1926 zählte man wieder fast 8.000 Dauergäste in Rengsdorf. 1927 konnte das mit Unterstützung von Kommerzienrat Henkel gebaute Freibad im Völkerwiesenbach in Betrieb genommen werden. 1929 lag die Zahl der Kurgäste bei fast 11.000. In diesen Jahren war Rengsdorf der meistbesuchte Höhenluftkurort im Rheinland. Das 1939 eingeleitete Verfahren zur Anerkennung als „Heilklimatischer Kurort" wurde wegen des Zweiten Weltkriegs 1942 eingestellt. In den letzten Wochen des Krieges erlitten Rengsdorf und das Umland Verluste und Mühsal durch Beschuss, Frontbewegung, Plünderungen und Besatzung.

Die Kriegsfolgen im privaten und Kurbereich waren rasch überwunden. 1951 meldet die Statistik fast 7.500 Gäste. Seit 1. Januar 1963 darf sich Rengsdorf „Heilklimatischer Kurort" nenne. 1967 wird das in herrlicher Umgebung in den Hang des Völkerwiesenbachtales neugebaute Freibad eröffnet. Angesichts steigender Gästezahlen, erhöhter Freizeitansprüche und günstiger Zukunftserwartungen beginnen 1971 die Bauarbeiten für ein Kurzentrum mit Hallenwellenbad und Kurmittelhaus. Ein zunächst erfolgreich erscheinender Bohrversuch nach Thermalwasser bis in 680 Meter Tiefe beflügelte Rengsdorf zu Hoffnungen auf das Prädikat „Bad". Doch man hatte die Gesamtkosten unterschätzt und konnte 1974 nur das Hallenwellenbad in Betrieb nehmen. Anstatt der zunächst veranschlagten 9,3 Millionen DM stiegen die Baukosten auf 15 Millionen und bis zur Fertigstellung des geplanten Gesamtkomplexes wären noch 3 - 4 Millionen erforderlich gewesen. Mit Hilfe des Landes, des Landkreises und durch Aufnahme weiterer Kredite konnte ein vorläufiger Schlussstrich gezogen werden, der schließlich zur Eröffnung des Bades führte, die Gemeinde jedoch hoch verschuldet und die Vision vom Heilbad in weite Ferne rückte. Angesichts der Belastung durch den Schuldendienst und die hohen Betriebskosten musste das bad 1983 an eine private Gesellschaft veräußert werden.

Doch die Misere um das Heilbad tat dem Kurbetrieb keinen Abbruch. 1979 hatte Rengsdorf mit über 23.000 Gästen deren höchste Zahl seit 1889 erreicht. 1989 feierte man in Erinnerung an die Gründung des Verschönerungsvereins „100 Jahre Kur und Erholung in Rengsdorf". Trotz der finanziellen Verpflichtungen aus dem Schuldendienst, des infolge bundesweit eingetretener Änderungen der Urlaubs- und Freizeitgewohnheiten beeinträchtigen Fremdenverkehr und der erheblichen Belastungen durch die permanente Steigerung des den Ortskern passierenden Durchfahrtsverkehrs konnte die Gemeinde unter sparsamem Umgang mit einem gestiegenen Steueraufkommen und außerordentlichen Tilgungen den Schuldenstand ständig reduzieren. Die damit verbundene Steigerung der Handlungsfähigkeit ermöglichte Steuersenkungen, bis dahin zurückgestellte Investitionen und verheißt für die Zukunft günstige Aussichten auf die Neubelebung des Fremdenverkehrs mit Blick auf den Ende 2005 begonnenen Neubau der für Rengsdorf als Kurort überlebenswichtigen Ortsumgehung der Bundesstraße 256. Schließlich konnte man die aus dem glücklosen bau des Hallenwellenbades verbliebene Schuldenlast inzwischen weitgehend abtragen und den Blick vermehrt den Zukunftsausgaben zuwenden. Dabei lässt man nicht außer Acht, anstelle dem heilklimatischen Kurort noch zur Verfügung stehenden begehrten potentiell bebauungsfähigen Flächen des Umlandes die Bebauung bestehender Baulücken im Ortsbereich zu bevorzugen. Auch reift die Erkenntnis, dass Fortschrittsdenken und Wachstumsstreben alleine nicht die lohnenswerte Lebensqualität zu garantieren vermögen und gilt es, die herrliche wechselvoll Landschaft im Naturpark Rhein-Westerwald mit den bunten Wiesen, den schönen Buchenhochwäldern, den tief eingeschnittenen Tälern und eindrucksvollen Ausblicken Gästen und Einheimischen nahe zu bringen und zu erhalten.

Heinz Preißing

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