Rengsdorf - Die „Wellewechtercher"

Eine Sage aus Rengsdorf

Unterhalb Rengsdorf, wo sich der Weg a „Hillgenhäuschen" (in früheren Zeiten, als die Rengsdorfer Kirche noch katholisch war, stand hier ein Heiligenhäuschen) durchs „untere Gebück" (das obere befand sich „auf der Löv" und wird vielfach als Römergraben bezeichnet, hat aber mit de Pfahlgraben, dem Lies, kaum etwas zu tun) ins Tal der „Heddesdorfer Bach" (sogenannt, weil die Gemeinde Heddesdorf an seinen Ufern Wälder besaß) oder des Völkerwiesenbaches), weil wohl zur zeit des 30-jährigen Krieges dort eine Schlacht geschlagen wurde, an die auch noch der Flurname „Im toten Krieger" erinnert) führt, liegt dem Dorf gegenüber der „Lützenberg". Hier und weiter talwärts treten die Felsen schroff und nackt bis ans Bachufer. Tannen in buntem  Gemisch mit Eichen und Buchen, Eschen und Ahorn ziehen sich den Berg hinauf. Ein schmaler Waldweg säumt den Fluss desselben. Zwischen den steilen Hängen rauscht laut der Bach. Die Wasserpest breitet ihre riesigen Blattschirme über das murmelnde Wasser. Vögel singen in den schwankenden Erlen ihr Lied. Nur ein schmaler Streifen Himmelbläue scheint hinein, wie in eine andere Welt.

Kein Wunder, dass die Volksfantasie das schmale abgeschiedene Tal einst als Wohnsitz anderer Wesen ansah.

Die Felsen sind vielfach zerklüftet und zerrissen. Schmale Spalten führen in das Innere des Berges, zu eng, als dass Menschen sich hindurchwinden können. Nur weit genug, dass lustige Schemen, Geister da hineinschlüpfen können. In den Höhlen wohnten einst, so erzählt die Sage, wilde Wichte, wilde Weiber, vom Volke der „Wellewechtercher" genannt. In meiner Jugend glaubte man das noch fest und auch die es erzählten, waren von ihrem Dasein überzeugt. Scheu nur wagte man als Kind einen Blick in die Türöffnungen ihrer Wohnungen und getraute sich nur in Begleitung älterer Personen dort vorbei, wenn es Holz zu holen gab, oder in ganzen Scharen, wenn es galt „auf der Burg" Eppich zu holen zum Kränzemachen oder Erdbeeren.

Allerlei erzählte man von den unterirdischen Kobolden. Am tage hielten sie sich tief in ihren Wohnungen versteckt. Nahte der Abend, dann kamen sie heraus und wagten sich in die nahen Ortschaften, schlüpften talabwärts nach Oberbieber, aufwärts bis nach Bonefeld. Am häufigsten jedoch kletterten sie bergan nach Rengsdorf. Die eisten von ihnen waren den Menschen gut gesinnt. Wo sie konnten, da halfen sie den Menschen. Namentlich in den Mühlen kehrten sie ein, bei Oberbieber, wo Heddesdorfer und Aubach gemeinsam die Räder drehten, und auf den beiden Rengsdorfer Mühlen ¼ Stunde bachaufwärts. Dem Müller auf der Oberen Mühle waren sie besonders gut gesinnt. Da hatte der Müller leichte Arbeit und der  Mahlbursch. Am Abend  stellten sie die Säcke zurecht und ließen der Mühlen ihren Gang, indessen sie selbst sich aufs Ohr legten. Dann kamen die „Wellewechter" herbei, viele, viele. War der Mahlkasten leer, dann hoben und schoben sie neue Säcke hinauf. Das goldene Korn floss in Strömen zwischen die Steine, die alle Arbeit hatten, es zu zermahlen. Morgens waren die Mehlkasten voll. Nicht so auf der untersten Mühle. Wenn die Dämmerung durch den „Kühlen Grund" und den „Rosenberg" ins Tal kroch, dann hockten sie zwischen den Speichen, dass sich ihre Kleider in diesen verfingen und die Räder sich nur langsam drehten oder gar stillstanden. Vergebens suchte der Müller die Schelme. Er konnte sie nicht sehen. Da schimpfte er schließlich über den oberen Müller, der ihm alles Wasser nahm. So ging auf der unteren Mühle einer nach dem anderen „die Baach eronner". Keiner konnte auf einen grünen Zweig kommen, während die oberen Müller bei ihrem bequemen Leben wohlhabend und reich wurden. Doch das sollte auch einmal aufhören. Und das kam durch einen Müllersknecht. Der war neu eingetreten und wusste von den „Wellewechtern" nichts. Als er daher die seltsame Beobachtung machte, dass die Mühle in der Nacht alle Arbeiten allein machte, wollte er der Sache auf den Grund gehen. In eine geschlossenen Mehlkasten legte er sich auf die Lauer. Als die Geister in voller Arbeit waren, schlug er plötzlich den Deckel auf und der helle Lichtschein fiel auf die fleißigen Arbeiter.

Die waren ganz verbiestert und rannten schleunigst nach allen Richtungen hinaus, um niemals wiederzukommen. Seitdem musste auch der obere Müller seine Arbeit allein tun.

Auch den Rengsdorfern halfen die Unterirdischen manche Arbeit zu verrichten. Die hatten's damals recht gut. Wenn heu gemacht wurde und sie hatten den ganzen Tag in der „Dorfwies" oder „hennaus" in der Sonnenglut geschafft und der letzte Wagen war heimgeholt, so fuhr man ihn in die Scheunentenne. Morgens war er leer und das Heu auf dem Heustall selbstgedämmt bis hoch ans Eulenloch. Beim Kartoffelgraben ließ man abends den Wagen unabgeladen. A Morgen war er leer und die „Krumbieren" im Keller an Ort und Stelle. Wollten sie ihr Brachland „stürzen", so brauchten sie abends nur den Pflug anzuspannen und stehen zu lassen. Wenn der Tag graute, lagen die Schollen braun und glänzend da wie lange Schuhriemen. Im Winter sogar, wo die Bauern nicht viel mehr zu tun hatten, als ihr Brennholz zu „geien", legten sie die Scheiter neben den Sägebock. Die „Wellewechter" kamen, sägten und spalteten alles kurz und klein. Auch den Frauen halfen sie viel, „kirnten" die Butter, schmierten die Schuhe, wuschen die Wäsche, putzten das Gemüse. Die Rengsdorfer Weiber konnten daher recht lange schlafen. Selbst den Kindern, die damals auch schon allerlei Arbeiten hatten für die Schule, waren sie von Nutzen. Freilich gabs da noch nicht so viel zu tun wie heute. Aber  der Katechismus musste gelernt werden, das Gesangbuch und die Bibel. Die legten sie abends aufgeschlagen neben das Bett und lasen es nur aus. Die „Wellewechter" hämmerten über Nacht alles ins Gedächtnis, wie sie auch die Schreiberei und Rechnerei fertig machten.

Die schöne Zeit ist längst vorbei. Die Rengsdorfer haben sich das selbst verdorben. Die meisten von ihnen waren ihren nächtlichen Helfern dankbar und legten ihnen hin und wieder etwas zur Belohnung hin, ein Ei oder ein bisschen Fett, ein Schälchen Milch, einen Bissen Kuchen. Manche aber waren geizig und gönnten ihnen das nicht einmal. Da war besonders ein Schneider. Der übertraf selbst die Hungrigsten. Nicht einmal ein Schnippel Zeug ließ er liegen, woraus sie hätten ein Mützchen machen können. Ja, einmal hatte er einen großen Lappen liegen lassen aus Versehen. Das fiel ihm mitten in der Nacht ein. Er stand auf und sah, wie sie gerade den Lappen fortschleppten. Da nahm er ihn und schlug auf sie ein, dass die ganze Schar von dannen floh. Seitdem sind sie nicht weiter nach Rengsdorf gekommen. Auch sind sie ganz aus der Gegend weggezogen und die Rengsdorfer Männer, Frauen und Kinder müssen ihre Arbeit selbst tun.

Die Felsklüfte und -spalten am Lützenberg sind leer.

Dr. Albert Hardt

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